Warum Sachkapital durch Vermehrung entmachtet wird

„Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, daß der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muß, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, daß das heute auf seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, daß man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

— Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung, Erster Teil: „Die Güterverteilung“, Einleitung

Gesell widerspricht hier einer Vorstellung, die bis heute wie eine Selbstverständlichkeit behandelt wird: Wer die Produktionsmittel besitzt, müsse den Menschen, die nur ihre Arbeitskraft anbieten können, zwangsläufig und dauerhaft überlegen sein. Aus dem Eigentum an Häusern, Maschinen, Werkstätten und Fabriken soll sich beinahe von selbst ein Anspruch auf Mehrwert oder Kapitalzins ergeben.

Die freiwirtschaftliche Analyse setzt an einer anderen Stelle an. Das Übergewicht des Besitzers entsteht nicht allein dadurch, dass ihm eine Fabrik gehört. Es entsteht vor allem dadurch, dass Fabriken, Wohnungen, Maschinen und andere Produktionsmittel knapp sind und dass ihre weitere Vermehrung durch die Geldordnung begrenzt wird.

Der vorhandene Eigentümer muss deshalb nicht enteignet werden. Sein Eigentum verliert seine wirtschaftliche Macht, wenn neben seine Fabrik eine weitere Fabrik, neben sein Haus ein weiteres Haus und neben seine Werkstatt eine weitere Werkstatt gebaut werden kann. Das Eigentum bleibt bestehen. Der Ertrag, der allein aus der Knappheit des Eigentums stammt, verschwindet.

Eigentum und wirtschaftliches Übergewicht sind nicht dasselbe

Gibt es in einer Region nur einen größeren Betrieb, sind viele Menschen auf diesen einen Arbeitgeber angewiesen. Sie konkurrieren untereinander um die vorhandenen Arbeitsplätze. Der Unternehmer kann aus mehreren Bewerbern auswählen und besitzt bei den Lohnverhandlungen ein Übergewicht.

Entsteht daneben ein zweiter Betrieb, verändert sich das Verhältnis. Nun konkurrieren nicht mehr nur die Arbeitnehmer um Arbeitsplätze. Auch die Betriebe konkurrieren um geeignete Menschen. Entstehen weitere Werkstätten und Unternehmen, wächst die Auswahl. Der einzelne Mensch kann ein schlechtes Angebot eher ablehnen, zu einem anderen Betrieb wechseln oder selbst zum Unternehmer werden.

Dasselbe gilt für Wohnungen. Solange Wohnraum knapp ist, besitzt der Vermieter eine starke Stellung. Werden zusätzliche Wohnungen gebaut, konkurrieren Vermieter um Mieter. Der bisherige Eigentümer verliert sein Haus nicht. Er verliert aber den Vorteil, den ihm die Knappheit des Wohnraums verschafft hat.

Wirtschaftliche Macht folgt damit nicht zwingend aus dem Eigentum selbst. Sie folgt aus einem Marktverhältnis, in dem notwendige Produktionsmittel auf der einen Seite knapp und Menschen auf der anderen Seite voneinander abhängig sind.

Sachkapital kann vermehrt werden

Unter Sachkapital verstehen wir hier hervorgebrachte Mittel, die der weiteren Produktion oder Versorgung dienen:

  • Maschinen und Werkzeuge,
  • Werkstätten und Fabriken,
  • Wohn- und Geschäftsgebäude,
  • Fahrzeuge und technische Anlagen,
  • Speicher, Leitungen und andere Infrastruktur.

Diese Dinge werden durch menschliche Arbeit unter Einsatz von Wissen, Energie, Rohstoffen und bereits vorhandenen Produktionsmitteln hergestellt. Gerade deshalb können sie grundsätzlich vermehrt werden.

Ist eine Maschine knapp und wirft ihr Einsatz einen hohen Ertrag ab, entsteht ein Anreiz, weitere Maschinen herzustellen. Sind Wohnungen knapp und lassen sich hohe Mieten erzielen, macht der hohe Ertrag den Bau zusätzlicher Wohnungen lohnend. Erzielt eine Fabrik aufgrund fehlender Konkurrenz einen außergewöhnlichen Überschuss, zieht dies grundsätzlich weitere Anbieter und zusätzliche Produktionskapazitäten an.

Mit jedem neu hinzukommenden Produktionsmittel nimmt die Knappheit des bereits vorhandenen Sachkapitals ab. Weitere Wohnungen erhöhen das Wohnungsangebot. Weitere Maschinen erhöhen die Produktionskapazität. Weitere Betriebe schaffen zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten und verstärken den Wettbewerb um Kunden und Mitarbeiter.

Der hohe Knappheitsertrag des Sachkapitals ruft damit seine eigene Vermehrung hervor. Diese Vermehrung vermindert wiederum den Knappheitsertrag. Sachkapital besitzt deshalb die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Selbstentmachtung.

Was durch die Vermehrung nicht verschwindet

Die Vermehrung des Sachkapitals beseitigt nicht sämtliche Einkommen eines Unternehmens. Auch bei reichlich vorhandenen Produktionsmitteln müssen weiterhin bezahlt und ersetzt werden:

  • die Arbeit der Beschäftigten,
  • die tatsächliche Arbeit des Unternehmers,
  • Rohstoffe und Energie,
  • Wartung und Reparaturen,
  • Verschleiß und Ersatzinvestitionen,
  • Organisation und Verwaltung,
  • tatsächlich getragenes Risiko,
  • zeitweilige Innovations- und Pioniergewinne.

Verschwinden soll nicht der Lohn für Arbeit und nicht die Vergütung einer realen Leistung. Zurückgedrängt wird der Ertrag, der allein daraus entsteht, dass ein notwendiges Produktionsmittel knapp gehalten wird.

Auch der Boden ist gesondert zu betrachten. Ein Haus kann gebaut werden; der Boden, auf dem es steht, lässt sich nicht vermehren. Die Bodenrente folgt deshalb einer anderen Gesetzmäßigkeit und gehört zur eigenständigen Freilandfrage.

Warum die Selbstentmachtung heute vorzeitig endet

Der Bau eines zusätzlichen Hauses, einer Maschine oder einer Fabrik benötigt in der arbeitsteiligen Wirtschaft Geld. Der Geldbesitzer kann dieses Geld jedoch zurückhalten. Arbeitszeit vergeht, Waren verursachen Kosten oder verlieren an Wert, und unausgelastete Anlagen bleiben nicht folgenlos. Liquides Geld kann dagegen warten.

Der Geldbesitzer muss nicht investieren, wenn ihm der erwartete Ertrag zu gering erscheint. Er kann die Freigabe des allgemeinen Tauschmittels von einer Mindestvergütung abhängig machen.

Silvio Gesell bezeichnet den daraus hergeleiteten grundlegenden Geldzins als Urzins. Funktional lässt er sich als Liquiditätsverzichtsprämie beschreiben: Der Geldbesitzer verlangt eine Vergütung dafür, dass er auf die unmittelbare Verfügbarkeit des Geldes und die Möglichkeit des weiteren Wartens zeitweise verzichtet.

Damit entsteht eine monetäre Rentabilitätsschwelle. Eine Investition muss nicht nur ihre tatsächlichen Kosten decken. Sie muss zusätzlich einen Ertrag erwarten lassen, der hoch genug ist, um das Geld aus seiner abwartenden Stellung zu lösen.

Sinkt der erwartete Ertrag einer weiteren Maschine, Wohnung oder Fabrik unter diese Schwelle, wird die Investition unterlassen. Das kann auch dann geschehen, wenn das zusätzliche Sachkapital technisch hergestellt werden könnte, gesellschaftlich gebraucht würde und Menschen bereit wären, daran zu arbeiten.

Der Vorgang lässt sich vereinfacht so darstellen:

Hohes Einkommen aus knappem Sachkapital macht seine Vermehrung lohnend. Durch die Vermehrung sinkt sein erwarteter Ertrag. Nähert sich dieser Ertrag der vom Geld verlangten Liquiditätsverzichtsprämie, zieht sich das Geld zurück. Die Vermehrung endet, bevor der reine Knappheitsertrag des Sachkapitals vollständig verschwunden ist.

Das Geld schützt damit das Sachkapital vor seiner vollständigen Wegkonkurrenzierung. Nicht die Fabrik selbst verhindert, dass neben ihr eine weitere Fabrik entsteht. Es genügt, dass das Geld den Bau nicht mehr zulässt, sobald der erwartete Kapitalertrag unter seine Mindestforderung fällt.

Freigeld beseitigt die monetäre Sperre

Freigeld soll das allgemeine Tauschmittel mit einer konstruktiven Umlaufsicherung versehen. Liquides Geld kann dann nicht mehr kostenlos und unbegrenzt dem Austausch entzogen werden. Wer es weder ausgeben noch selbst einsetzen will, hat einen Anreiz, es einem anderen zur Verfügung zu stellen.

Damit entfällt die Liquiditätsverzichtsprämie als eigenständige Mindestforderung. Eine Investition muss weiterhin ihre realen Kosten decken. Sie muss aber nicht zusätzlich einen dauerhaften Ertrag erwirtschaften, nur um das Geld überhaupt in Bewegung zu setzen.

Die Vermehrung des Sachkapitals kann deshalb weitergehen. Neue Häuser, Maschinen, Werkstätten und Betriebe entstehen, solange sie tatsächlich gebraucht werden und ihre realen Kosten decken. Mit ihrer zunehmenden Verfügbarkeit sinkt der reine Knappheitsertrag des Sachkapitals gegen null.

Das bedeutet nicht, dass jede beliebige Investition sinnvoll wird. Ein Vorhaben ohne Bedarf bleibt unwirtschaftlich. Fehlende Rohstoffe, Energie, Arbeitskräfte, Wissen oder geeignete Flächen bleiben reale Grenzen. Auch ökologische Schäden dürfen nicht ausgelagert und als scheinbar kostenlose Nebenwirkung behandelt werden. Die Umlaufsicherung beseitigt keine Naturgesetze. Sie beseitigt eine zusätzliche monetäre Sperre.

Die Löhne steigen zum vollständigen Arbeitsertrag

Solange Arbeitsplätze und Produktionsmittel knapp sind, konkurrieren viele Menschen um wenige Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Ihre Verhandlungsposition bleibt schwach. Ein Teil ihres Arbeitsertrages kann als Kapitalzins, Bodenrente oder Monopolgewinn abgezogen werden.

Mit der Vermehrung des Sachkapitals kehrt sich dieses Verhältnis um. Maschinen, Werkstätten und Betriebe stehen reichlicher zur Verfügung. Sie benötigen Menschen, die sie bedienen, organisieren, verbessern und mit Sinn erfüllen.

Nicht mehr der Mensch sucht verzweifelt nach einem Arbeitsplatz. Das Sachkapital sucht den Menschen, ohne den es ungenutzt bleibt.

Die menschliche Arbeitskraft, Erfahrung, Zuverlässigkeit, Kreativität und Initiative werden damit zur wertvollsten Ressource der Wirtschaft. Betriebe müssen bessere Bedingungen bieten, um geeignete Menschen zu gewinnen und zu halten. Die Löhne steigen nach der freiwirtschaftlichen Theorie bis zum vollständigen Arbeitsertrag.

Der vollständige Arbeitsertrag ist nicht mit dem gesamten Verkaufserlös gleichzusetzen. Rohstoffe, Energie, Verschleiß, notwendige Rücklagen, tatsächliche Risiken und die Arbeit anderer Menschen müssen weiterhin berücksichtigt werden. Vollständig ist der Arbeitsertrag dort, wo nach Abzug aller realen Kosten kein zusätzlicher Tribut mehr an knapp gehaltenes Geld, Sachkapital oder monopolisierten Boden gezahlt werden muss.

Der Mensch wird dadurch, was er in einer arbeitsteiligen Wirtschaft sein soll: nicht ein möglichst billig zu beschaffender Kostenfaktor, sondern ihr allerwertvollster Bestandteil.

Unternehmer werden nicht mehr durch Geldbesitz ausgesiebt

Die Vermehrung des Sachkapitals setzt voraus, dass nicht nur bestehende Großunternehmen investieren können. Auch Menschen mit Fähigkeiten, Ideen und Unternehmergeist müssen Zugang zu Produktionsmitteln erhalten.

Heute entscheidet häufig nicht allein die fachliche Eignung darüber, wer Unternehmer werden kann. Entscheidend ist ebenso, ob eigenes Vermögen, ausreichende Sicherheiten oder eine Renditeerwartung vorhanden sind, die Zins und Liquiditätsverzichtsprämie übersteigt.

Ein Handwerker kann Wissen, Erfahrung, Kunden und Arbeitswillen besitzen. Die eigene Werkstatt kann dennoch daran scheitern, dass ihm das Geld für Gebäude, Maschinen und Material nur zu Bedingungen angeboten wird, die sein Vorhaben nicht tragen kann. Das zurückhaltbare Geld bevorzugt damit nicht notwendig den fähigsten Unternehmer. Es bevorzugt häufig denjenigen, der bereits Vermögen oder verwertbare Sicherheiten besitzt.

Unter Freigeld verändert sich die Verhandlungsposition. Menschen mit verfügbaren Geldmitteln können diese nicht mehr ohne laufenden Nachteil ungenutzt halten. Sie müssen nach Kreditnehmern, Beteiligungen oder realen Vorhaben suchen. Nicht mehr nur zukünftige Unternehmer konkurrieren um knappes Geld. Auch Geldgeber und Banken konkurrieren um geeignete Unternehmer.

Ein tragfähiges Vorhaben muss weiterhin geprüft werden. Verwaltung, Ausfallrisiko und tatsächlich erbrachte Finanzdienstleistungen haben reale Kosten. Doch der Unternehmer muss keinen dauerhaften Urzins mehr erwirtschaften, der allein aus der Verfügung über Liquidität stammt.

Damit können Menschen leichter:

  • eine eigene Werkstatt errichten,
  • einen Handwerksbetrieb übernehmen,
  • gemeinsam ein Unternehmen gründen,
  • Maschinen und Gebäude finanzieren,
  • aus einem Arbeitsverhältnis in die Selbständigkeit wechseln,
  • als Genossenschaft oder Mitarbeiterbetrieb eigene Produktionsmittel schaffen.

Nicht der vorhandene Geldbesitz entscheidet darüber, wer Unternehmer werden darf. Entscheidend werden Fähigkeit, Zuverlässigkeit, Wissen und die reale Tragfähigkeit des Vorhabens.

Der Arbeitnehmer kann zum Mitbewerber werden

Die verbesserte Finanzierung stärkt den Menschen nicht nur innerhalb eines bestehenden Arbeitsverhältnisses. Ein Beschäftigter, der mit seinen Bedingungen unzufrieden ist, kann gemeinsam mit anderen einen eigenen Betrieb aufbauen.

Damit verändert sich jede Lohnverhandlung. Der Unternehmer muss nicht nur damit rechnen, dass ein guter Mitarbeiter zu einem anderen bestehenden Betrieb wechselt. Er muss auch damit rechnen, dass fähige Menschen selbst zu Unternehmern und Mitbewerbern werden.

Der vollständige Arbeitsertrag entsteht daher nicht allein durch höhere Lohnforderungen. Er wird möglich, weil Menschen zwischen abhängiger Beschäftigung, einem anderen Arbeitgeber, genossenschaftlicher Organisation und eigener unternehmerischer Tätigkeit wählen können.

Sachkapital wird so zu einem allgemein zugänglichen Arbeitsmittel, statt dem Menschen als knapp gehaltenes Herrschaftsmittel gegenüberzutreten.

Warum große Konzerne zerfallen können

Die heutige Größe vieler Konzerne beruht nicht ausschließlich auf technischen Vorteilen großer Produktionseinheiten. Sie beruht häufig auch auf einem überlegenen Zugang zu Geld, Krediten, Sicherheiten und Beteiligungskapital.

Ein großer Konzern kann Investitionen finanzieren, die einem kleineren Betrieb trotz gleicher oder besserer fachlicher Fähigkeiten verschlossen bleiben. Er kann vorübergehende Verluste tragen, Konkurrenten aufkaufen, ganze Lieferketten kontrollieren und mit seiner Finanzkraft den Marktzutritt anderer erschweren. Finanzielle Größe erzeugt weitere finanzielle Vorteile, und diese Vorteile führen zu weiterer Konzentration.

Fällt diese Überlegenheit des Finanzkapitals fort, können kleinere Einheiten ihre natürlichen Vorteile ausspielen. Sie benötigen häufig weniger zentrale Verwaltung, haben kürzere Entscheidungswege, geringere Kontrollkosten, weniger interne Reibungsverluste und können näher an Kunden, Mitarbeitern und örtlichen Ressourcen arbeiten. Wo keine echte technische Notwendigkeit für eine riesige Einheit besteht, können mehrere kleine Betriebe prinzipiell günstiger und beweglicher produzieren als ein zentral gesteuerter Konzern.

Große Unternehmen verschwinden deshalb nicht überall. Eisenbahnnetze, Grundstoffanlagen, bestimmte Forschungsvorhaben oder zusammenhängende Infrastrukturen können reale Größenvorteile besitzen. Solche Größen bleiben bestehen, wenn sie technisch und organisatorisch begründet sind.

Zerfallen werden dagegen vor allem jene Konzernstrukturen, deren Zusammenhalt auf Finanzmacht, Kapitalknappheit, Übernahmen und künstlichen Marktzutrittsschranken beruht. Ihre Betriebe können selbständig werden, von Mitarbeitern übernommen oder durch neu entstehende kleinere Unternehmen ersetzt werden.

Die freiwirtschaftliche Entmachtung des Großkapitals bedeutet daher nicht, Konzerne staatlich zu zerschlagen. Sie nimmt ihnen die finanzielle Grundlage, mit der sie günstigere und beweglichere Konkurrenten vom Entstehen abhalten.

Finanzkapital wird es nicht mehr geben

Die entscheidende Folge reicht über einen sinkenden Zins hinaus. Unter einer funktionsfähigen Freiwirtschaft verschwindet das Finanzkapital als eigenständige Einkommens- und Machtform.

Nicht Geld, Kredit oder Finanzierung verschwinden. Es kann weiterhin Bargeld, Zentralbankguthaben, Bankforderungen, Kredite, Rückzahlungspläne und zeitlich begrenzte Beteiligungen geben. Doch eine Geldforderung ist dann kein Kapital mehr, das allein durch seinen Besitz einen dauerhaften Anspruch auf zusätzliches Einkommen erzeugt.

Heute wird Geldvermögen zu Finanzkapital, weil sein Besitzer die allgemeine Liquidität zurückhalten und ihre Freigabe von einer Verzinsung abhängig machen kann. Aus Geld entsteht eine Forderung auf mehr Geld. Dieser Anspruch kann weiterverkauft, vererbt und erneut angelegt werden. Das Finanzvermögen erscheint dadurch als selbständige Einkommensquelle, obwohl Geld selbst weder Häuser baut noch Maschinen bedient noch Dienstleistungen erbringt.

Mit der Umlaufsicherung entfällt diese Grundlage. Wer Geld nicht selbst verwenden will, muss es ausgeben, verleihen oder investieren. Er kann seine Zustimmung nicht mehr dauerhaft von einer Liquiditätsverzichtsprämie abhängig machen.

Nicht die Finanzierung verschwindet, sondern das Finanzkapital.

Eine Forderung auf Geld kann weiterhin einen Anspruch auf Rückzahlung begründen. Sie begründet jedoch nicht mehr automatisch einen Anspruch auf ständig wachsende Zahlungen aus dem bloßen Eigentum an der Forderung.

Gespartes Geld kann für zukünftigen Konsum zurückgelegt und später verbraucht werden. Es kann aber nicht mehr auf Dauer den Lebensunterhalt seines Besitzers finanzieren, indem es ohne eigene Arbeit immer neue Ansprüche auf den Arbeitsertrag anderer erzeugt.

Man kann von Ersparnissen leben, indem man sie verwendet. Man kann nicht mehr dauerhaft von ihnen leben, indem allein ihr Besitz einen Zinsstrom hervorbringt.

Banken bleiben Dienstleister

Auch Banken werden weiterhin benötigt. Sie können Zahlungen abwickeln, Geldgeber und Kreditnehmer zusammenführen, Vorhaben prüfen, Ausfallrisiken bewerten, Rückzahlungen organisieren und zeitliche Unterschiede zwischen Sparen und Investieren vermitteln.

Sie erhalten dafür eine Vergütung ihrer tatsächlichen Leistungen und Kosten. Dazu können Verwaltung, Zahlungsverkehr, Prüfung, Versicherung und ein konkret übernommenes Ausfallrisiko gehören. Was verschwindet, ist der grundlegende Geldzins, der allein aus der Zurückhaltbarkeit des allgemeinen Tauschmittels stammt.

Der Kredit überträgt einem Unternehmer zeitweise die Verfügung über reale Arbeitskraft, Rohstoffe, Maschinen und Gebäude. Geld und Vertrag dokumentieren diesen Vorgang. Sie sind nicht selbst die produktive Leistung.

Damit finanziert nicht ein geheimnisvoll arbeitendes Finanzkapital die Produktion. Menschen stellen anderen Menschen zeitweise reale Mittel zur Verfügung. Banken vermitteln und sichern diese Beziehungen als Dienstleister.

Auch Unternehmensbeteiligungen können bestehen, wenn sie tatsächliche Mitverantwortung und reales Verlustrisiko verkörpern. Ein Ertrag daraus ist dann kein garantierter Zins auf Geldbesitz, sondern das unsichere Ergebnis einer konkreten unternehmerischen Beteiligung. Mit reichlich verfügbarem Kredit müssen Unternehmer ihre Betriebe außerdem nicht dauerhaft an Finanzinvestoren abtreten, nur um Zugang zu Geld zu erhalten.

Reale Grenzen bleiben bestehen

Sachkapital kann vermehrt werden, aber nicht ohne Grenzen. Jede Produktion benötigt Energie, Rohstoffe, Arbeitszeit, Wissen, Transport, Flächen, Wartung, Entsorgung und Wiederverwertung.

Fehlen diese Mittel tatsächlich, liegt eine reale Grenze vor. Keine Geldreform kann fehlende Rohstoffe, verlorene Zeit oder ökologische Tragfähigkeit ersetzen.

Anders liegt der Fall, wenn Menschen, Wissen, Material und Bedarf vorhanden sind, die Produktion aber allein deshalb unterbleibt, weil sie keinen ausreichenden Zins oder keine ausreichende Rendite für das Finanzkapital verspricht. Dann ist die Grenze monetär und institutionell.

Freiwirtschaft soll nicht grenzenloses Wachstum erzwingen. Sie soll ermöglichen, dass die Gesellschaft innerhalb ihrer realen und ökologischen Grenzen selbst entscheidet, welche Häuser, Werkstätten, Maschinen und Dienstleistungen sie benötigt. Die Entscheidung soll nicht von einer künstlichen Rentabilitätsschwelle des zurückhaltbaren Geldes beherrscht werden.

Entmachtung ohne Enteignung

Gesells Gedanke unterscheidet sich sowohl von der Verteidigung unveränderlicher Besitzverhältnisse als auch von der Vorstellung, der Kapitalertrag könne nur durch Enteignung beseitigt werden.

Der bestehende Eigentümer behält seine Fabrik. Entzogen wird ihm nicht das Produktionsmittel, sondern der besondere Vorteil seiner Knappheit. Neben seine Fabrik können weitere Fabriken treten. Aus Arbeitnehmern können Unternehmer werden. Kleinere Betriebe können entstehen, wo bisher nur große Konzerne Zugang zur Finanzierung hatten.

Der Kapitalist wird nicht dadurch entmachtet, dass man ihm seine Fabrik nimmt. Er wird dadurch entmachtet, dass man neben seine Fabrik so viele weitere baut, bis ihr bloßer Besitz keinen Knappheitszins mehr abwirft.

Am Ende dieses Prozesses gibt es weiterhin Geld als Tauschmittel, Kredite als zeitliche Vermittlung, Banken als Dienstleister, Unternehmer als Organisatoren und Sachmittel für Produktion und Versorgung.

Was verschwindet, ist Kapital als selbständige Macht über den Menschen:

  • Sachkapital wird durch Vermehrung entmachtet.
  • Finanzkapital wird durch die Umlaufsicherung seiner Grundlage beraubt.
  • Konzerne verlieren die Macht, die allein auf überlegener Finanzierung beruht.
  • Menschen können leichter eigene Produktionsmittel schaffen.
  • Die Löhne steigen zum vollständigen Arbeitsertrag.

Der Mensch dient dann nicht länger dem knapp gehaltenen Kapital. Das reichlich vorhandene Sachkapital dient dem Menschen.

Einordnung, Quelle und Prüfbedarf

Die Entmachtung des Sachkapitals durch Vermehrung ist eine freiwirtschaftliche Wirkungsthese. Das einleitende Zitat stammt aus Silvio Gesells Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, Erster Teil „Die Güterverteilung“, Einleitung. Der Kernwortlaut ist in mehreren Transkriptionen und im produktiven Quellenarchiv belegt; eine projektweit einheitliche Referenzausgabe mit verbindlicher Paginierung bleibt offen.

Aus der theoretischen Möglichkeit zusätzlicher Sachkapitalbildung folgt nicht automatisch, dass Finanzierung, Nachfrage, Wettbewerb, Arbeitsmobilität und reale Ressourcen die erwartete Vermehrung tatsächlich zulassen. Ebenso wenig folgt daraus unbegrenztes materielles Wachstum.

Empirisch zu prüfen sind die Reaktion des Kreditangebots bei sinkenden Renditen, die Investitionsschwelle, die Entwicklung von Kapazitäten und Löhnen, mögliche Markteintrittsbarrieren sowie Energie-, Rohstoff-, Flächen- und Umweltgrenzen.

Weiterführende Seiten

Nächste geplante Veröffentlichungen

  • Freigeld
  • Freiland
  • Freihandel
  • Eigennutz, Gemeinnutz und Freiheit